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Circus

Circus in Münster

Der europäische Circus – ja, die Unternehmen selbst und ihre Fans schreiben Circus mit „c“ –, wie wir ihn heute kennen als Mischung aus Tierdressuren, Artistennummern und Clownerien, hat vielfältige Wurzeln.

Das „fahrende Volk“ unterhielt sein Publikum auf Messen, Jahrmärkten und Festen schon seit dem Mittelalter mit waghalsigen artistischen Künsten und Geschicklichkeitsdarbietungen. Kunst-, Schulreiterei und Pferdedressur, gepflegt in Reitakademien, gab es schon lange vor der Entstehung des Circus. Reisende Kunstreitergesellschaften erstaunten mit ihren Kunststücken die Menschen, und Pferdeballette waren Teil höfischer Unterhaltung.

Exotische Tiere – undressiert oder dressiert – waren in reisenden Tierschauen auf Jahrmärkten zu sehen. Die Dressuren wurden in den Käfigen vorgeführt, die dann ab 1860 auch in die Circusmanege geholt wurden. Der Hamburger Carl Hagenbeck (1844–1913) kam um 1870 auf die Idee, seiner Zootierhandlung eine Dressurschule anzugliedern, weil er dressierte Tiere teurer verkaufen konnte. Er entwickelte eine neue Dressurmethode, die nicht mehr die Tiere durch Bedrohung und Bestrafung „zahm“ machte, sondern durch geduldige Beobachtung ihrer natürlichen Fähigkeiten und durch Belohnungen die Tiere dazu brachte, die gewünschten Kunststücke vorzuführen. Um seine neuen, spielerisch wirkenden „zahmen“ Dressuren vorzuführen, gründete er 1887 einen eigenen Circus. Er erfand auch den großen, aus Einzelteilen aufgebauten Raubtierkäfig für die Circusmanege.

Die Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe der römischen Antike mit ihrem oft blutigen Wettkampfcharakter gehören nur insofern zu den Vorfahren des europäischen Circus, als der Name „Circus“ und die Architektur zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den römischen Amphitheatern für die Vorstellungen in der Manege mit den rundum sitzenden Zuschauern übernommen wurde.

Diese Form für seine Aufführungen zu nutzen, war die Idee des englischen Offiziers Philipp Astley (1742–1814), als er seine Reitschule 1768 in London gründete. Er erteilte nicht nur Reitunterricht, sondern führte auch Kunstreiterei vor. Bald engagierte er Seiltänzer, Akrobaten und Clowns. Die Veranstaltungen fanden zunächst unter freiem Himmel statt. 1803 baute er sein „Astley’s Amphitheater“ mit Manege und Bühne. Damit war der „Circus“ geboren.

In Deutschland entstanden die ersten großen Circusunternehmen wie Renz und Busch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Berlin, um 1900 kamen Sarrasani und Krone hinzu. Sie inszenierten die artistischen Darbietungen und Tierdressuren als phantasievolle Ausstattungspantomimen zu historischen Themen, Heldensagen, Märchen und Opern. Auch hier wurde zunächst unter freiem Himmel, in mitreisenden provisorischen Holzkonstruktionen oder vorhandenen großen Hallen gespielt. In den Großstädten entstanden mit der Zeit feste Circusbauten. Das heute typische Circuszelt für die wandernden Unternehmen wurde erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts unter amerikanischem Einfluss allgemein üblich.

Auch Münster wurde seit Jahrhunderten vom „fahrenden Volk“ besucht, sowohl zum Send als auch zu anderen Zeiten. So ist z. B. in einer alten Chronik zu lesen, dass 1586 ein Seiltänzer sein Seil vom Lambertikirchturm bis zu einem Baum neben dem Domparadies spannte und darauf seine Künste zeigte. Seine Vorstellung gipfelte darin, dass er einen Jungen in eine Schubkarre setzte und diese mit dem Kind auf dem Seil vom Kirchturm bis zum Domparadies hinunter schob. Für seine spektakulären Vorführungen wurde er vom Rat der Stadt mit einer sehr großen Geldsumme belohnt.

Seitdem 1822 mit dem „Westfälischen Merkur“ in Münster regelmäßig (ab 1830 täglich) eine Zeitung erschien, erfahren wir durch illustrierte Anzeigen mehr über die Besuche von Artisten und Schaustellern in Münster, und können uns ein gutes Bild machen von dem, was dem Publikum geboten wurde: u. a. Kunstreiterei, Artistik, Balancekünstler und exotische Tiere.

Die Vorstellungen fanden meist auf dem Platz vor der 1831 fertig gestellten Aegidiikaserne statt. Einen festen Circusbau gab es in Münster nicht. Allerdings diente, wie man auf einer Postkarte aus dem Jahr 1909 sehen kann, die „Münstersche Festhalle“ Steinfurter Straße 1 – Eigentum der Rolinck-Brauerei – als Gastspielort für Circus- und Varietévorstellungen.

Mit dem Höhepunkt des Kolonialismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Neugier auf die fremden Kulturen ferner Länder gewachsen. Zwischen 1870 und 1940 waren „Völkerschauen“ und „Kolonialausstellungen“ in Europa vom Publikum massenhaft besuchte Veranstaltungen. Der Hamburger Carl Hagenbeck, der mit seiner Tierhandlung auch eine Tierschau verbunden hatte, war 1875 mit einer Lappländer-Familie der erste, der „Eingeborene“ nach Deutschland holte, die auf seinem Gelände in ihren typischen Kleidungsstücken, mit ihren Behausungen und bei alltäglichen Verrichtungen bestaunt werden konnten. Die Schau war so erfolgreich, dass sie im Anschluss von Hamburg aus auf Tournee ging. Hagenbeck führte in der Folge weitere Schauen durch und fand Nachahmer. Bei diesen Veranstaltungen ging es dabei aber weniger um Authentizität als um die Befriedigung europäischer Klischees von exotischen Kulturen. In kleinerem Maßstab wurden solche „Völkerschauen“ auch auf Jahrmärkten gezeigt und fanden Eingang in die Circusvorstellungen. Auch in Münster fanden im zoologischen Garten – in vielen Städten bevorzugter Ort für diese „Kolonialausstellungen“ – solche Veranstaltungen statt.

Im Ersten Weltkrieg und in den 1920er Jahren hatten viele Circusunternehmen mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. In den 1930er Jahren erholten sie sich und fanden in Deutschland ein begeistertes Publikum. Wenn ein Circus in einer Stadt gastieren wollte, brauchte er dafür eine behördliche Erlaubnis. Wenn das Zelt in Münster auf dem Schlossplatz aufgestellt werden sollte, musste beim Regierungspräsidenten die Genehmigung dafür eingeholt werden. Deshalb finden sich in den Akten der Regierung im Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen, Münster viele entsprechende Briefe der bekanntesten Circusunternehmen der Zeit.

Allen war daran gelegen, konkurrenzlos zu spielen, d. h. dass kein anderer Circus kurz vorher am Ort gewesen war bzw. keinesfalls gleichzeitig gastierte. Die Tourneen wurden meist im Winter für die nächste Saison geplant. Die Platzmiete musste im Voraus bezahlt werden, ebenso eine Kaution für eventuell anfallende Aufräum- und Reparaturmaßnahmen für den Fall, dass der Zirkus den Platz nicht sauber und unbeschädigt verlassen würde.

Münster gehörte nicht zu den Städten mit fest etablierten Circusunternehmen. Aber für einige Jahrzehnte hatten hier die Circusfamilie Corty-Althoff ihre Wohnung und der Circus sein Winterquartier. Laut einem Artikel der Münsterschen Zeitung von 1915 lag es damals am Ende der Südstraße. Wie die verwandtschaftliche Beziehung der Althoffs zu Münster war, und warum sie ihr Quartier in Münster hatten, ist nicht bekannt.

Jedes Jahr im März startete der Circus in der „Münsterschen Festhalle“ an der Steinfurter Straße seine Tournee. Der Circus Corty-Althoff war 1884 auf Initiative von Zirkusdirektor Pierre Corty entstanden, der seinen Schwiegersohn Dominik Althoff als Kompagnon aufnahm. Seine letzten berühmten Vertreter waren Adele Althoff und ihr Sohn Pierre (1869-1924). Unter der Leitung von Pierre Althoff erlebte der Zirkus um 1900 seine Hochzeit.

1903 war Pierre Althoff sogar als Reitlehrer an der Universität Münster mit dem Titel „Universitätsstallmeister“ angestellt. Als er 1924 starb, führte seine Frau Adele (geb. Rossi, 1867 – 1930) den Zirkus weiter. Das Unternehmen konnte aber die Verluste aus der Zeit des Ersten Weltkriegs nicht verkraften und musste 1927 Konkurs anmelden.

Aber, wie es sich beim Circus gehört: Die Show geht weiter. Die Althoffs sind eine der ältesten deutschen Artisten- und Circus-Dynastien. Und sie waren und sind weit verzweigt. Im Juli 1960 z. B. besuchte ein Circus Althoff Münster. Derzeit tourt ein Circus Corty Althoff erfolgreich durch Deutschland.

Literatur

Sylke Kirschnick, Manege frei! Die Kulturgeschichte des Zirkus, Berlin 2012

Marlies Lehmann-Brune, Die Althoffs: Geschichte und Geschichten um die größte Circusdynastie der Welt, Frankfurt a. M. 1991

Jörn Merkert (Hg.), Zirkus Circus Cirque, Ausstellungskatalog der Nationalgalerie Berlin, Berlin 1978

Heinrich Offenberg, Bilder und Skizzen aus Münsters Vergangenheit, Münster 1898, hier Seite 87-88