expand_less zum Stadtmuseum Münster

Das Elisabet-Ney-Zimmer

Das Elisabet-Ney-Zimmer im münsterischen Drei-Frauen-Museum

Am 6. Januar 1932 wurde im Obergeschoss der ehemaligen Johanniterkommende an der Bergstraße in Münster ein städtisches Museum zu Ehren dreier bedeutender Frauen der Stadt eröffnet, das schon bald das Drei-Frauen-Museum genannt wurde: Der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) wurden drei Räume, der Fürstin Amalie von Gallitzin (1748–1806) und der Bildhauerin Elisabet Ney wurde jeweils ein Raum gewidmet.

Damit nutzte die Stadt Münster zum zweiten Mal zu Ausstellungszwecken und zur „Stützung und Förderung der Kunst und des Kunstgewerbes“ die im Juli 1929 von der Fürstlichen Verwaltung Bentheim-Steinfurt – Eigentümerin der Johanniterkommende – angemieteten Räumlichkeiten. Von 1929 bis 1931 hatte sie die Räume als „Städtische Kunststuben“ an die Künstlergemeinschaft „Schanze“ zu Ausstellungszwecken vermietet. Streitigkeiten mit der Stadt führten jedoch zum Auszug der Gemeinschaft aus der Johanniterkommende. Im Juni 1931 bot der Magistrat der Stadt daraufhin der Droste-Gesellschaft die Räumlichkeiten zur Einrichtung eines Droste-Museums an. Dieser Vorschlag wurde mit Begeisterung angenommen, zumal sich die 1928 gegründete literarische Gesellschaft schon seit längerem mit der Möglichkeit der Einrichtung eines Museums zu Ehren der Dichterin befasst hatte. Stadtrat Paul Engelmeier (1888–1971), der sich vielfältig um kulturelle Belange der Stadt bemüht hatte, setzte sich in der Folge jedoch beim Magistrat mit Erfolg dafür ein, dass neben den Ausstellungsräumen der Droste weitere zu Ehren der Fürstin Gallitzin sowie der Bildhauerin Ney eingerichtet wurden. So entstand das Drei-Frauen-Museum. Die Berichterstattung anlässlich der Eröffnungsfeierlichkeiten im Januar 1932 zog über Münster hinaus Kreise bis Paderborn und Köln. Im Museumsführer „Die Museen der Provinz Westfalen“ von 1933 wird das Drei-Frauen-Museum als „Städtisches Museum“ aufgeführt mit Hinweisen auf Öffnungszeiten und Eintrittspreise. Eine Besichtigung der Räumlichkeiten konnte mittwochs von 10.00 bis 13.00 und von 15.00 bis 17.00 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 10.00 bis 13.00 Uhr erfolgen. Der Eintritt betrug 20 Pfennige, für Schulklassen und Studenten 10 Pfennige.

Die ausgestellten Objekte

Die im Elisabet-Ney-Raum gezeigten Objekte wurden von Privatsammlern zur Verfügung gestellt. Dem engagierten Lokalhistoriker und Ney-Biographen Eugen Müller-Münster (1851–1935) oblag die Konzeption und Betreuung des Ney-Zimmers (vgl. Beitrag Kauder-Steiniger in diesem Band). Besonderer Blickfang dieses Raumes war das Hauptwerk der Bildhauerin: die Knabengruppe Sursum, eine Leihgabe des Sanitätsrats Joseph Lueder (1863–1947). Im Herbst 1931 übersiedelte er von Münster nach Bad Sachsa in den Südharz und überließ der Stadt allzu gern zahlreiche seiner schweren Bildwerke Neys als Leihgaben. Darunter befanden sich neben Sursum eine Madonna mit dem Jesuskind, ferner die 1865 auf Caprera gefertigte Büste des italienischen Freiheitskämpfers Giuseppe Garibaldi (1807–1882) und eine Büste des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck (1815–1898) aus dem Jahr 1867. Die beiden letztgenannten Werke der Bildhauerin waren 1867 auf der Weltausstellung in Paris zu sehen. Des weiteren lieh Lueder das 1903 in Austin entstandene Selbstbildnis der Künstlerin aus, eine Büste des Berliner Chemieprofessors Eilhard Mitscherlich (1794–1863), ein Sphinxbildwerk sowie eine Plastik einer liegenden Bulldogge. Zudem überließ er dem Museum ein Gemälde der jungen Malerin Johanna Kapp aus der Zeit um 1853, das die befreundete Bildhauerin Elisabet Ney im Alter von etwa zwanzig Jahren zeigt.

Man mag sich fragen, wie der Sanitätsrat überhaupt in den Besitz so zahlreicher Werke der Bildhauerin gelangt ist. Die erhaltene Korrespondenz zeugt von einem sehr innigen Verhältnis zwischen der Bildhauerin und dem Ehepaar Lueder. Beide Familien waren entfernt miteinander verwandt und standen in regem Kontakt zueinander. So mag sich die Sammeltätigkeit Lueders auf die persönliche Wertschätzung der Bildhauerin gründen.

Die übrigen ausgestellten Objekte der Bildhauerin wurden von Angehörigen des westfälischen Adels und anderen privaten Leihgebern zur Einrichtung des Ney-Raums zur Verfügung gestellt. Zu sehen waren eine Büste König Georgs V. von Hannover (1819–1878) und zwei Entwürfe zu einem Denkmal Franz von Fürstenbergs (1729–1810).

Darüber hinaus war laut Aussage Eugen Müller-Münsters auch eine Kinderbüste ausgestellt. Leider ist sie auf der historischen Fotografie, die einen Einblick in das Ney-Zimmer gewährt, nicht zu sehen, so dass wir uns kein Bild von ihr machen können. Es stellt sich die Frage, ob sie womöglich identisch ist mit der jüngst auf einer Auktion bei Sotheby’s angebotenen und vom Stadtmuseum Münster erworbenen Marmorbüste eines Kindes aus dem Jahr 1865. Des weiteren waren die den Grafen Clemens August von Westphalen (1805–1885) darstellende Büste und seine Statuette zu sehen, beide heute erhalten (die Büste im LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster, die Statuette in Privatbesitz) und in dieser Ausstellung im Stadtmuseum Münster ausgestellt.

Es wurden im Elisabet-Ney-Raum auch Werke anderer Künstler gezeigt, die Elisabet Ney darstellen oder Bezug auf sie nehmen. Der uns lediglich als Postinspektor H. Bäumer aus Düsseldorf bekannte Sammler lieh ein Gemälde aus, das die junge Bildhauerin darstellt. Dieses Bild ist dem berühmten Porträt der Künstlerin von Friedrich Kaulbach (1822–1903) sehr ähnlich (heute im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover). Kaulbach hat 1859/1860 die Bildhauerin während ihrer Arbeit an der Büste Georgs V. von Hannover in voller Körpergröße dargestellt. Ob das im Drei-Frauen-Museum ausgestellte Gemälde, das von dem in Hannover aufbewahrten abweicht – es ist kleiner und zeigt die Künstlerin nicht in ganzer Körpergröße, auch fehlt die Büste Georgs V. im Hintergrund – eine Zweitausfertigung von Friedrich Kaulbach selbst ist oder eine Kopie von anderer Hand, darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Die Recherchen nach dem Verbleib des Bildes oder nach möglichen Nachfahren des damaligen Besitzers sind leider ohne Ergebnis geblieben. In einer Fenstervitrine waren zudem Originalbriefe Elisabet Neys, Briefe Edmund Montgomerys (1835–1911) und Bücher – heute z.T. verstreut in Archiven und Bibliotheken in Europa und den USA – ausgestellt.

Am 11. August 1933 berichtet Eugen Müller-Münster im Münsterischen Anzeiger über neue Objektzugänge im Elisabet-Ney-Zimmer. So soll Mims Niedieck, die Tochter des Sanitätsrates Lueder, den Schreibtisch der Bildhauerin zur Verfügung gestellt haben, Stadtarchiv und Landesmuseum haben Originalbriefe der Bildhauerin ausgeliehen, die Bildhauerin Leonhardt-Culemann aus Hannover habe Müller-Münster eine Bleistiftzeichnung, die Elisabet Ney im Alter von 26 Jahre darstellt, geschenkt. Und Müller-Münster selbst habe, so der Artikel, die „charaktervolle Schopenhauer-Büste“ der Bildhauerin käuflich erworben. Über die Einrichtung des Ney-Zimmers und seine Eröffnung hinaus war Eugen Müller-Münster weiterhin stets darum bemüht, die Erinnerung an die Bildhauerin in der Öffentlichkeit aufrechtzuerhalten. Doch aufgrund der beengten Räumlichkeiten war es nicht möglich, „alle in der Stadt noch im Privatbesitz befindlichen Erinnerungsstücke“ unterzubringen. Leider ist nicht bekannt, um welche Objekte es sich gehandelt hat und ob sie sich erhalten haben.

Die Auflösung des Drei-Frauen-Museums

Seit Beginn des Jahres 1936 war die Stadt Münster Pächterin von Haus Rüschhaus, wohin am Ende jenes Jahres die Bestände zu Annette von Droste-Hülshoff aus dem Drei-Frauen-Museum überführt wurden. Es ist anzunehmen, dass mit dem Umzug der Droste-Abteilung auch die Auflösung der beiden übrigen kleineren Museumsräume einherging, ohne dass dies besondere Erwähnung in Zeitungen oder anderen Publikationen gefunden hätte. Die Stadt Münster vermietete nach der Museumsauflösung die nun frei gewordenen Räumlichkeiten in der Johanniterkommende an den Wein- und Spiritushändler Schulze-Föcking weiter, bis sie das seit 1929 bestehende Mietverhältnis mit der fürstlichen Verwaltung Bentheim-Steinfurt zum 31. Oktober 1938 schließlich kündigte. Bereits im Juni 1938 meldeten sich zahlreiche Mietinteressenten bei der fürstlichen Verwaltung: Es waren vornehmlich Privatpersonen und höhere Beamte.

Der Tod Eugen Müller-Münsters im Jahr 1935 mag zur Museumsauflösung beigetragen haben. Zumindest ist nicht bekannt, dass es eine Diskussion um den Erhalt der Museumsräume gegeben hat. In den Tageszeitungen wird nicht mehr über das Drei-Frauen-Museum berichtet. Vermutlich wurde es Ende 1936 oder Anfang 1937 endgültig aufgelöst. Über den organisatorischen Ablauf der Auflösung des Museums sowie über den Verbleib der Objekte aus den beiden Museumsbereichen Elisabet Ney und der Fürstin Gallitzin ist indes nichts bekannt. Auch über die Rückführung einzelner Objekte zu ihren Besitzern lässt sich keine gesicherte Aussage treffen.

Die Münstersche Wochenschau von 1939 widmet unter dem Titel „Berühmt und doch fast vergessen“ nahezu eine Seite dem Leben und Werk der Bildhauerin und verweist am Ende des Beitrages auf „eine Erinnerungssammlung zu ihrem Gedächtnis“ auf dem Bohlweg in Münster, „wo Elisabeth Ney geboren wurde“. Die Quellen widerlegen jedoch diese Angabe. Elisabet Ney wurde nachweislich im Martiniviertel getauft. Damals war es üblich, dass man in dem Viertel getauft wurde, in dem man auch geboren wurde. Daher ist anzunehmen, dass Elisabet Ney im Martiniviertel geboren wurde. Somit ist der Hinweis der heutigen Gedächtnistafel am Gebäude Bohlweg Nr. 34, Ecke Piusallee, dass sich an dieser Stelle einst das Geburtshaus der Bildhauerin befunden habe, nicht richtig. Es handelte sich vielmehr um das 1844 errichtete und von Adam Ney mit seiner Familie bezogene Haus mit Werkstatt (vgl. Beitrag Brepohl, Abb. 3, und Beitrag Tiemann, Ney, in diesem Band). Etwaige Werke dieser Erinnerungssammlung könnten also durchaus auch vom Vater stammen.

Leider ist festzuhalten, dass über den Verbleib der Werke von Elisabet Ney in Münster nur in wenigen Fällen Genaueres bekannt ist. Das Porträt der Bildhauerin von der mit ihr befreundeten Malerin Johanna Kapp befindet sich heute im Landesmuseum Münster. Dem Bericht Eugen Müller-Münsters zufolge soll es ursprünglich eine Leihgabe des Sanitätsrates Lueder gewesen sein. In den Zugangsbüchern lässt sich keine entsprechende Eintragung nachweisen. Im Gegensatz dazu sind die übrigen Leihgaben Lueders und seiner Tochter Mims Niedieck heute nicht mehr auffindbar. Offenbar sind sie nie zur Familie zurückgeführt worden. Mims Niedieck bemühte sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit um Kontaktaufnahme zu Personen in Texas, die die Bildhauerin kannten oder ihr nahestanden. In einem Brief vom 28. März 1948 an ein Fräulein Campton teilt sie mit, dass ihre Schwester das Goldarmband des Königs von Hannover, das ein Geschenk an Elisabet Ney gewesen sei, besitze und sie selbst das Achatarmband von Giuseppe Garibaldi, ebenfalls einst ein Geschenk an die Künstlerin. „Alle anderen Andenken sind in dem Stadtmuseum Münster“ – ein erstaunlicher Hinweis, da das Drei-Frauen-Museum zu diesem Zeitpunkt nicht mehr existierte und die Gebäude der ehemaligen Johanniterkommende im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört wurden. Mims Niedieck, wohnhaft in Bochum-Langendreer, war ganz offensichtlich nicht über diese Entwicklungen und das Ausmaß der Zerstörungen Münsters im Zweiten Weltkrieg informiert. Anscheinend war ihr Vater – er verstarb 1947 – auch nicht über den Verbleib seiner einstigen Leihgaben für das Elisabet-Ney-Zimmer informiert, sonst hätte er sicherlich seine Tochter darüber in Kenntnis gesetzt. Im Oktober 1948 – Mims Niedieck hatte zwischenzeitlich offenbar Nachforschungen betrieben – schreibt sie an Mrs. Rutland – Willie B. Rutland, von 1927 bis 1967 Direktorin des Elisabet Ney Museums in Austin: „In Muenster ist, nach meinen Erkundigungen, leider das Elisabet Ney Zimmer im Museum, das durch Bomben zerstört ist, mit vernichtet, ich hoffe aber, daß die Andenken in Sicherheit gebracht worden sind […]“ (HRC Austin, Box 5–10, Brief vom 30. Oktober 1948). Leider hat sich diese Hoffnung bislang als trügerisch erwiesen. Auch die Aufrufe des Stadtmuseums Münster an die Bevölkerung haben keine dieser Werke wieder zutage gebracht.

Archivalien: Harry Ransom Humanities Research Center, The University of Texas at Austin (HRC Austin), HRC Box 5–10, Briefe vom 4. Februar 1948, 28. März 1948, 30. Oktober 1948 und HRC Box 5–11, Brief vom 6. November 1957; Burgsteinfurt: Archiv Fürst zu Bentheim und Steinfurt, Vermietung Kommende 1928–1938, G 2947.

Literatur: Münsterischer Anzeiger 1932c; Münsterischer Anzeiger 1932a; Münstersche Wochenschau 1939; Westfälische Landeszeitung 1931; Volkswille 1931; Bergenthal 1932; Vereinigung Westfälischer Museen 1933; Ditt 1988; Müller 1932a; Müller 1932b; Müller 1932c; Müller 1933a; Müller 1933b; Müller 1933c; Müller 1933d; Die christliche Frau 1934.